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Kathedrale von Santiago de Compostela
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a kann man nichts machen. Die Sonne will einfach nicht aufhören
zu scheinen. Dabei hat Fremdenführer Tommi Alvarellos nun
schon mehrfach erklärt: "Um Galicien zu verstehen,
muss man es nass sehen". Weil es so mysteriös, so traurig
und so ernst sei. Davon ist vor der berühmten Kathedrale
von Santiago de Compostela allerdings wenig zu spüren. Im
Gegenteil - die Besucher sind ausgesprochen gut gelaunt; Rentner
drängen sich ausgelassen scherzend fürs Gruppenfoto zusammen,
Pilger in sportlicher Funktionskleidung staksen mit ihren
Wanderstäben übers Pflaster, und Pekinesen-Mischling Charly
posiert als Pilger verkleidet mit braunem Umhang, Kappe und
Jakobsmuschel vor der Brust. Jahrmarktstimmung an der nach
Jerusalem und Rom drittwichtigsten Pilgerstätte der christlichen
Welt: dem Grabmal des Apostels Jakob.
Die Jakobsmuschel, wahrscheinlich das erste Souvenir der
Menschheitsgeschichte hat es bis Äthiopien und Sibirien gebracht.
Diese Trophäe wurde den Pilgern früher sozusagen als Leistungsnachweis
überreicht, wenn sie es denn bis Santiago geschafft hatten.
Und diese Muschel war ihnen so wertvoll, dass sie sie sogar
mit ins Grab nahmen. Goethe soll gesagt haben, dass Europa
mit dem Jakobsweg entstanden sei. Hier trafen sich Menschen
aus der ganzen christlichen Welt, und tauschten sich aus über
alle Dinge des Lebens, und der Pilgerweg war auch ein wichtiger
Handelsweg. "Der "Camino" war für die Leute damals, was für
uns heute das Internet ist", erklärt Tommi Alvarellos
- ein Weg, um Neuigkeiten zu erfahren. Die Geistlichen in
der Kathedrale waren bestens eingestellt auf die Gäste aus
der Fremde, und an den Beichtstühlen stehen noch die Hinweise
auf die Sprachen geschrieben, in denen die Gläubigen ihr Herz
ausschütten konnten. Nummer Sieben war offenbar für Deutsche
und Ungarn zuständig, Nummer Acht für Italiener und Franzosen.
Ungerührt von all dem Pilgertrubel kniet eine alte Frau vor
einem der Beichtstühle, die Plastiktüte neben sich auf dem
Boden abgestellt. Die meisten Besucher sind allerdings mit
den Pilgerritualen vollauf beschäftigt, selbst wenn sie die
Reise nur im Autobus hinter sich gebracht haben. Der unumstrittene
Höhepunkt ist es, hinauf zu steigen zu der goldenen Jakobusfigur
auf dem Hauptaltar und den Apostel von hinten zu umarmen.
Entsprechend lang ist die Schlange davor, doch es herrscht
alles andere als andachtsvolles Schweigen. Zwar ist ein Besuch
in Santiago ohne die Kathedralen-Inspektion eine schlichte
Sünde, aber die 100.000 Einwohner-Stadt ist zugleich sehr
weltlich: vier Kinos, drei Theater, Kulturfestivals, moderne
Museen und mindestens 100 Kneipen.
Nachts tritt das Netz aus Bars und Restaurants, das die Altstadt
umspannt, besonders deutlich zutage; dann leuchten sie wohlig
heraus aus dem Granit-Meer über das sich der gelbe Schein
der Straßenlaternen breitet. Pilger wie Einheimische lassen
sich durch die autofreien Gassen und Straßen treiben. Und
erleben mit dieser unfassbar gut erhaltenen, aber nicht klinisch
rein sanierten Altstadt allemal Nacht für Nacht ihr Wunder.
Reben mögens mild
In Cambados, viele Eukalyptus- und Kiefernwälder später und
50 Kilometer südlich von Santiago, scheint immer noch die
Sonne - und das ist auch gut so. Denn die kleine Stadt liegt
im Herzen der Weinregion von Salnés, die für ihren Albariño-Weißwein
bekannt ist. Weil die Reben hier nicht ganz so sonnenverwöhnt
sind wie in anderen Gegenden Spaniens wachsen sie in waagerechten
Matten ein bis zwei Meter über dem Erdboden. So geben sie
gleich noch ein prima Sonnenverdeck ab. Fast jedes Haus hat
seinen eigenen kleinen Weingarten. Das Mikroklima der Gegend
mit seinen ausgeglichenen Temperaturen tut den Reben gut:
Durchschnittlich betragen sie 9 Grad im Januar und 20 Grad
im Juli, wie im Weinmuseum von Cambados zu erfahren ist. Kein
Wunder, dass die Leute hier irritiert reagieren auf 29 Grad
im Schatten mitten im September. Seit den 90er Jahren erlebt
der Albariño-Wein eine regelrechte Blühte; neue Technologie
hat ihn hochwertig gemacht und die Herkunftsbezeichnung "Rías
Baixas" garantiert, dass man sich auf die Qualität verlassen
kann.
Cambados schönsten Meerblick bereitet der Mirador da Pastora,
ein Aussichtspunkt auf den Ruinen einer keltischen Burganlage,
von der es in Galicien so viele gibt. Da blinzeln die lila
Heideblüten durchs Gebüsch, es riecht nach Pinien, und unten
in der weiten Bucht mit all ihren Inselchen und Halbinseln
schwimmt der lose Fleckenteppich aus Muschelzuchtplattformen.
Nebenan halten ein paar alte Männer ein Schwätzchen im Schatten,
und das erste vorwitzige Winzerpaar tuckert zufrieden grinsend
mit den ersten Reben des Jahres vorüber.
In Cambados wohnten früher einmal ziemlich viele Blaublütige,
weshalb die Stadt die vielen Pazos hat. Pazos sind ehemalige
Adelshäuser und ein Markenzeichen von Galicien. Zu erkennen
sind sie an dem steinernen Wappen, das an ihrer Fassade prangt.
Zwei Pazos des Ortes wurden übrigens zu Hotels umfunktioniert.
Und auch zwei Bodegas, Weinlokale, sind in einer solchen Herberge
untergebracht: in dem auffälligen, weil äußerst lang gestreckten,
Pazo de Fefiñanes. Äußerlich sind diese Herschaftshäuser meist
eher schmucklos. Die Hausherren durften nur bedingt protzen,
denn sie standen sich nicht gut mit den spanischen Königen,
weil sie sich partout nicht von den Monarchen aus der Fremde
hinter den Bergen reinreden lassen wollten.
Ein Leben voller Zauber
Die Galicier haben ihren eigenen Kopf, recht eigenwillige
Ideen - und einen ziemlich ausgeprägten Sinn für Magie. Deshalb
gibt's überall kleine Hexen als Reiseandenken zu kaufen. Und
"Galicien ist ein Land der Geschichten", wie Charo Martínez
Stadtführerin aus Sanxenxo betont. Nirgends blüht die Fantasie
so wie hier. Die überaus lebendigen Rituale und Kulte erzählen
vom Glauben an die magische Kraft der Natur. An den Traumstrand
A Lanzada etwa begeben sich in der Johannisnacht am 24. Juni
Frauen mit Kinderwunsch und lassen sich neun Wellen gegen
den Bauch spülen, damit es endlich klappt mit dem Babysegen.
Es gibt in Galicien Sargprozessionen, bei denen sich mopsfidele
Menschen in Leichentüchern durchs Dorf tragen lassen. Und
es gibt uralte Rituale aus keltischer Zeit, bei denen alte
steinerne Kultstätten die Hauptrolle spielen - etwa wenn es
darum geht, die Rückenschmerzen loszuwerden oder die Nieren
zu beruhigen.
Überhaupt ist Stein die Essenz Galiciens, wie es immer wieder
heißt. Weil die Katholiken diese heidnischen Bräuche nicht
so recht hinnehmen wollten, haben die Einheimschen pragmatisch
gehandelt und die Wunderkraft oft genug einfach auf katholische
Heilige übertragen, um Ärger mit der Kirche zu vermeiden.
Typisch galicisch und ebenfalls nicht so fromm, wie sie tun,
sind die so genannten "Cruceiros", Kreuze aus Granit, die
am Wegesrand vor Unbill schützen sollen. Vorzugsweise an Kreuzungen
wurden sie aufgestellt, weil man dort böse Kräfte vermutete.
Combarro, einem Fischerort in der Ría von Pontevedra, ist
reich gesegnet mit diesen steinernen Zwei- bis Drei-Meter-Amuletten.
Die Touristen aber haben in Combarro immer nur das Eine im
Kopf: Jeder will die berühmten "Horreos" sehen. Das sind Maisspeicher
aus Granit, die sozusagen auf Stelzen stehen, damit die Mäuse
sie nicht in Beschlag nehmen. Die findet man zwar überall
in Galicien, aber so schön und dicht gedrängt und ins Meer
gebaut wie in Combarro gibt es sie eben kein zweites Mal.
Eine schmale Gasse windet sich an ihnen entlang, und da so
viele Besucher kommen, haben die Leute aus Cambarro zwischen
die alten Vorratskammern jede Menge kleine Restaurants gesetzt.
Naheliegend, schließlich liegt das Schlaraffenland des Meeres
vor der Tür, und Austern und Miesmuscheln werden direkt in
der Bucht gezüchtet.
Angeben auf galicisch
Die Maisspeicher hatten aber nicht nur praktischen Nutzen,
sondern dienten auch als Statussymbol. Je mehr Füße der Speicher
hatte, je länger er also war, desto besser. Denn das konnte
natürlich nur eins bedeuten: Da hat jemand ordentlich was
geerntet. Und wenn der Platz - wie etwa in der Stadt - zu
knapp war, um einen protzigen Speicher zu bauen, haben die
Schornsteine an den Häusern die Angeberrolle übernommen. Nach
dem Motto: Wer viel hat, kann auch viel kochen. A propos Angeberei:
Aus Platzmangel ist mitten in Santiago einmal ein Haus gebaut
worden, das eigentlich gar keines ist. Das Domherrenhaus ist
nur einen guten Meter tief, also praktisch nur Fassade. Aber
dass der Platz, an dem es steht, mit so einer schmucken Kulisse
einfach schöner aussah, war den Stadtvätern Grund genug für
den Bau. "Noch heute werden die Gardinen in den Fenstern immer
wieder umdrapiert, damit das Haus so wirkt, als würde jemand
darin wohnen", erzählt Stadtführer Tommi Alvarellos.
Wenn sich die Galicier etwas in den Kopf gesetzt haben, dann
machen sie das außerordentlich ordentlich. Trotzdem mussten
viele im Laufe der Jahrhunderte auswandern, um Arbeit zu finden;
auch Fidel Castro hat galicische Vorfahren. Vielleicht hat
ihnen die Nähe zum Wasser das Weggehen leichter gemacht als
anderen. Dem Meer haben die Galicier eine ganze Menge zu verdanken.
Zum Beispiel, dass sie als allererste von der Entdeckung Amerikas
erfuhren. Damals als Martín Alonso Pinzón nach der geglückten
Expedition mit seiner "Pinta" noch vor seinem Gefährten Kolumbus
nach Europa zurückkam. Und zwar in Baiona, während der andere
noch auf Lissabon zuhielt. In dem großen Yachthafen von Bayona
liegt eine Nachbildung der dickbauchigen "Pinta", auf der
die Besucher hemmungslos herumklettern. Unter Deck warten
auf dem kleinen Museumsschiff neben zwei tätowierten Indios,
viele Mitbringsel aus der Fremde: Mais und Chilis, Baumwolle
und Tabak, ein Leguan, ein Kakadu und zwei Schatzkisten voller
Gold; die Menschen, die Tiere und das Gold sind verständlicherweise
nur Attrappen - ein putziger kleiner Ausflug in die Seefahrervergangenheit.
Die Wirklichkeit ist allerdings schlicht atemberaubend in
Baiona. Denn die Stadt liegt am äußersten Ende der Ría von
Vigo. Wo der Atlantik sich im Horizont verliert. Wo die geschützten
Inseln Cíes aus dem Blau herausschauen und die Segelboote
sachte vor der Küste kreuzen. Ein paar Zuchtstationen für
Meeresfrüchte treiben im Schutz der Bucht, und die dicken
Möwen gucken den Touristen beim Mittagessen auf die Teller.
"Nebel und Regen passen einfach wunderbar zu der geheimnisvollen
Grundstimmung dieser Region", hatte Tommi Alvarellos gesagt.
Aber klar ist auch: Die Sonne und der Sommer stehen Galicien
ebenfalls prächtig. Im Herbst kommt er schon irgendwann wieder,
der Regen. Zum großen Glück, denn der Kenner aus der Stadt
der Pilger ist überzeugt: "Es gibt überhaupt nichts Romantischeres,
als nachts mit Schirm durch Santiago zu laufen." Auch wenn
man wahrscheinlich aus Galicien stammen muss, um das so richtig
zu verstehen.
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